Markus Kottländer
Wirre Gedanken eines
bekifften Alkoholikers
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Das hier ist eine Bestandsaufnahme und Aufarbeitung meines Lebens, welches sich in eine Richtung entwickelt hat, die ich so eventuell nicht ganz wollte. Ich bin mir unsicher. Vielleicht muss sich mir der Sinn einfach noch erschließen. Es wird jedenfalls brutal ehrlich. Schamgefühl habe ich mir erfolgreich "weg philosophiert". Ich kann meine Gedanken nun frei äußern.

Es geht u.a. um Depressionen und Drogenabhängigkeit und den damit verbundenen körperlichen und sozialen Verfall. Es geht darum, ein kaputtes, verzerrtes Weltbild zu beschreiben und zu korrigieren und unsere Gesellschaft besser zu verstehen, um nach vielen Jahren endlich wieder ein Teil davon zu werden, anstatt sich gezielt abzukapseln.

Ich werde sicherlich viel Angriffsfläche und Gelegenheit zur Häme bieten. Für diejenigen, die solche Gelegenheiten gerne nutzen und nichts zulassen, was sich nicht mit Zahlen beweisen lässt, bin ich vermutlich ein typischer "Schwurbler", der halt einfach zu viel gekifft und gesoffen hat. Nun ja,... Ich kann nicht widersprechen. Ich möchte nur betonen, dass das hier ein Prozess ist, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Wer selbst an Depressionen und Drogensucht leidet, sollte hier auch nicht zu viel erwarten. Es ist nicht mein Anspruch, irgendjemandem zu helfen, außer mir selbst. In meinem Kopf existieren die wundervollsten Taten und Schöpfungen liebevoller Geister, zusammen mit den verstörendsten Gräueltaten, zu denen ein Mensch im Stande ist. Ich sehe im Menschen den Philosophen aber auch das Tier sehr deutlich, jeden Tag, in allen möglichen Lebenslagen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich in meinem Leben bereits mehr Tränen der Trauer oder der Freude geweint habe. Es dürfte sich ungefähr die Waage halten. Das Leben kann nun mal schön und unerträglich zugleich sein und zumindest emotional habe ich bisher versucht, nichts davon auszublenden. Das ist nicht immer gesund.

Bestandsaufnahme

Ich wache auf und sehe als erstes die leeren Bierdosen auf meinem Schreibtisch. Ich fühle mich total dehydriert und habe Kopfschmerzen. Es ist 5 Uhr 20. Ich drücke meinen Kopf wieder ins Kopfkissen und fange an zu weinen. Dann stehe ich auf. Heute wird besser.

Ich werde bald 35 und wohne in einer kleinen 2-Zimmer Wohnung, in der der Schimmel schon beginnt, die Wände hochzuklettern, auch dort wo mein Schreibtisch steht, an dem ich jeden Tag von morgens bis abends sitze und nur aufstehe, wenn ich aufs Klo muss oder Essen geliefert wird. Zumindest einmal am Tag gehe ich in die Stadt und hole mir dort etwas, damit ich wenigstens ein bisschen an die frischen Luft komme. Bei der Gelegenheit nehme ich auch gleich drei Bier mit. Und dann abends nochmal zur Tanke. Am nächsten Tag dann wieder Kiosk. Ich wechsle ständig, damit ich nicht so sehr auffalle. An vielen Tagen brauche ich aber beide und noch eine dritte Option. Alkohol bekommt man ja zum Glück an jeder Straßenecke und heutzutage sogar bis an die Haustür geliefert. Ich rede mir ein, es sei besser immer nur ein paar Bier zu holen anstatt einfach eine ganze Palette oder Kiste. Ich habe auch kein Auto, nichtmal einen Führerschein. Das wäre logistisch also eh schwer. Ich könnte auf Hochprozentigen umsteigen. Irgendwas brauche ich, um die seelischen und mittlerweile auch die ganz real spürbaren körperlichen Schmerzen zu unterdrücken, die sich bemerkbar machen, wenn ich nüchtern werde. Sport ist seit ca. 15 Jahren kein aktiver Bestandteil meines Lebens mehr und ich betreibe täglich Raubbau am eigenen Körper.

Ich habe Hunger und bestelle was. Schon das zweite mal heute. Selber kochen tue ich nicht. Wäre auch ein bisschen widerlich in dieser Wohnung. Überall fest getrocknete Essensreste in Pappkartons und dieser Gestank aus dem Abfluss. Schränke voller leerer Bierdosen, der Boden daneben auch. Fruchtfliegen schwirren um meinen Bildschirm und in meinem "Lebensmittelschrank" entsteht eine Larvenzucht. Die erste hat es heute aus dem Schrank heraus geschafft und sich von der Zimmerdecke exakt über meinem vollen Aschenbecher abgeworfen. Da muss sie wohl etwas leckeres gerochen haben. Ich drücke meinen Joint-Stummel auf ihr aus und rolle mir direkt den nächsten. Es klingelt. Essen ist da... und Bier natürlich. Um den Schrank kümmere ich mich morgen... vielleicht.

Ich werde mir der Situation langsam bewusst. Die Unterwäsche juckt schon. Geduscht wird erst, wenn ich ein unwohles Gefühl im Supermarkt an der Kasse bekomme. Die Fenster wurden hier in 6 Jahren nicht einmal geputzt. Was wohl die anderen Menschen in meiner Straße von mir denken? Ich könnte mir teure Anzüge leisten, ziehe meine miefende, löchrige Jogginghose und kaputte Schuhe aber vor. Jetzt hole ich erst mal neues Gras.

Mein Dealer ist mein einziger sozialer Kontakt seit Längerem. 50 Euro jede Woche. Inzwischen eher alle 4-5 Tage. Kommt mir auch fast ein bisschen viel vor. Ich kann's mir aber leisten. Noch. Und nur, wenn ich nicht über die Steuerschulden nachdenke. Ich hab es kurzzeitig recht weit nach oben geschafft auf der Gehaltsskala, vor dem Absturz bis ganz zurück auf den Boden der Tatsachen. Mit klarem Verstand gearbeitet habe ich seit Jahren nicht mehr. Joints rauchen wie Zigaretten und mehrere Liter Bier jeden Tag gehören für mich zum Arbeitsalltag. Für ein anständiges Gehalt hat es trotzdem immer gereicht und zuletzt befand ich mich sogar im obersten Prozent Deutschlands, je nach Statistik. Zumindest hatte ich den Punkt erreicht, an dem man sich um Geld scheinbar keine Sorgen mehr machen muss. Das kannte ich so noch nicht. Das meiste von der Kohle habe ich aber übermütig bis größenwahnsinnig "investiert" oder schlicht verprasst. Es ist nicht mehr viel übrig, außer ein bisschen Bitcoin. Nichtmal der konnte mich reich machen. Das erste mal besaß ich Bitcoin bei unter $1000 und war davon überzeugt, dass es DIE Lösung für die Probleme der Welt ist und ein unerwartetes, plötzliches Geschenk irgendeines ökonomisch-intellektuellen Nerd-Himmels, von dem ich bis dahin noch nichts wusste, der mich aber wahnsinnig faszinierte. Wieso zur Hölle bin ich heute nicht einer dieser Crypto-Millionäre? Ich wär ja sogar smart genug, um mir meine eigenen Coins und Smart Contracts und sowas zu programmieren. Ohne Witz, ich glaube ich war mit einer der ersten, die nützliche NFTs programmiert haben, für Rechteverwaltung statt dumme Bildchen. Wieso... bin... ich... NICHT REICH??? Manchmal fühle ich mich, als sei da irgendetwas in mir, das unterbewusst aber mit allen Mitteln versucht, mich am Erfolg zu hindern.

Ach scheiße, gleich ist ja Team-Meeting. Wo ist denn mein Mikrofon jetzt schon wieder? Den Joint lass ich wohl doch besser noch aus... und das Bier im Kühlschrank. Gerade bin ich wenigstens halbwegs klar und kann reden. Wobei ich ja von vornherein gesagt habe, dass ich an Meetings nicht teilnehme. Ich hab es auch wirklich nicht nötig, mir immer wieder dieses lächerlich illusorische Start-Up Gelaber anzuhören. Im Zweifel muss ich den Karren eh wieder alleine aus dem Dreck ziehen. *zisch* und *zip*... Bier auf, Joint an. Meinen Wochenbericht gebe ich schriftlich ab. Anders versteht es ja eh keiner.

Ist es vielleicht meine Arroganz?

Das Geld, welches mir natürlich nie etwas bedeutete, bis zu dem Zeitpunkt an dem ich plötzlich welches hatte, hat mir nur die Bestätigung geliefert, nach der ich mich heimlich schon immer sehnte. Selbst bekifft und besoffen bin ich immer noch besser als ihr alle. Letztlich hat es nur über die Tatsache hinweg getäuscht, dass ich massive Probleme habe und als Geisterfahrer durch die Welt irre.

Wie konnte ich denn nur so die Kontrolle über mein Leben verlieren und dabei gleichzeitig auch noch so ein überhebliches Arschloch werden? Das bin ich nicht und ich möchte mich bei allen entschuldigen, denen gegenüber ich mich falsch verhalten habe. Ich hoffe auch noch bald die Größe zu finden, dies in einigen Fällen persönlich zu tun.

Eigentlich bin ich ja eher schüchtern und zurückhaltend und bin einfach gerne kreativ. Mir ist es nur nie gelungen, damit umzugehen und meinen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die oft Ellenbogeneinsatz erfordert und einem so viele künstliche Bedürfnisse einflüstert, denen dann so viele auch nachgeben, mich selbst eingeschlossen natürlich.

Insgesamt habe ich zu viel gedacht und zu wenig gemacht. Ich habe mich versteckt, so gut es ging und in träumerischen Gedankenspielen und Selbstgesprächen gelebt. Und im Internet. In Gesellschaft zu sein, beruflich oder privat, hat sich für mich zu einer massiven Anstrengung und einem Schauspiel entwickelt.

Es geht also wohl nicht einfach nur darum, die Drogen zu bezwingen oder die depressiven Episoden, sondern darum, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Ich muss lernen, den Blicken der Anderen standzuhalten. Das war schon immer das Problem. Nervosität. Die Angst davor, ausgelacht und ausgegrenzt zu werden. Eine subtile Todesangst.

Introvertiert in der Spaßgesellschaft

Auf dem Schulhof herumgeschubst und verprügelt zu werden, Klamotten nach dem Sportunterricht aus dem Mülleimer holen müssen und derlei Späße zählen durchaus zu den prägenderen Erinnerungen meiner frühen Schulzeit. Später war es wohl überwiegend nur noch die Angst an sich. Ein, zwei gute Freunde hatte ich auch immer, zeitweise sogar einen richtigen Freundeskreis. Ich frage mich nur, wie introvertiert ich von Natur aus bin und wie viel davon konstruiert ist.

Dieses "sich fremd fühlen" ist jedenfalls etwas, das mich schon sehr lange begleitet. Sich nie so richtig als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, in der man lebt, kann ziemlich belastend sein. Die erste Diagnose damals, ein Jahr nach dem Abi, lautete "Anpassungsschwierigkeiten". Meine Mutter hatte mich in eine Klinik gebracht, aus Verzweiflung und auch weil ich es wollte. Ich glaube, nach unserem Gespräch, wusste der Psychologe selbst nicht so recht, was er auf diesen Zettel schreiben sollte. Ich meine so was gesagt zu haben wie "Meine Probleme sind politischer und nicht psychischer Natur. Sie können mir nicht helfen.". Für die Klinik war ich jedenfalls noch nicht reif.

Ich will mich aber nicht zu sehr beschweren. Introvertiert zu sein hat ja auch seine Vorteile. Nicht all zu viele, in einer Gesellschaft, in der es so vielen nur noch um Aufmerksamkeit geht, aber ganz entscheidende, wenn das Ziel ist, die Welt zumindest ansatzweise zu verstehen. Ich kann mich durchaus alleine beschäftigen, über Tage und Wochen, ach was... Jahre. Glücklich macht das aber nicht zwingend und es hat auch den Grundstein für den weiteren Verlauf meines Lebens gelegt, mit dem ich ja nun mal nicht sonderlich zufrieden bin. Zumindest muss ich jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen und das Beste draus machen. Eine gesunde Balance zwischen Verstehen und Leben, zwischen Denken und Machen, habe ich aber bis jetzt noch nicht so richtig finden können. Aber es wird besser.

Ich sitze übrigens gerade im Café während ich das hier schreibe. Warum fühlen sich die Gespräche der anderen nur immer so belanglos und oberflächlich an? Ich weiß, dass es nicht so ist. Es kam mir nur immer so vor, als sei der Wahrnehmungshorizont meiner Mitmenschen stark eingeschränkt, verglichen damit, wie ich die Welt wahrnehme. Viel emotionaler und intensiver (Gut, das kann auch mit dem vielen Kiffen zusammenhängen.) aber auch differenzierter. Wenn andere schon ihre Schlüsse ziehen und Urteile fällen, würde ich gerne noch mehr Seiten und auch die unwahrscheinlichsten Szenarien beleuchten. Und immer geht es nur um Job oder Urlaub, Hund oder Katze, Steuerklärungen und Versicherungen. Banalitäten eben. Nie um die besorgniserregenden aber auch spannenden Entwicklungen auf der Erde. Das große Ganze, das mir immer als Ausflucht vor mir selbst diente, schien nie jemanden zu interessieren. Aber es hat halt auch nicht jeder Zeit, sich über Jahre hinweg regelmäßig stundenlang in einem abgedunkelten Zimmer einzuschließen und sich das Leid der Welt anzuschauen. Ich würde das auch niemandem empfehlen. Ich hatte den Zugang aber konnte gar nicht einschätzen, was das mit mir macht.

Und dann erwische ich mich auch noch in anderen Situationen, in denen ich über Job und Urlaub rede und was ich mir alles leisten kann. Meine Doppelmoral ist mir erst sehr spät aufgefallen. Dass ich selbst keinen Deut besser bin, weiß ich nun. Ich war vielleicht nicht so viel feiern aber nicht weil ich es nicht gewollt hätte. Viel mehr, weil ich mich nicht getraut habe und wenn, dann konnte ich es wegen der permanenten Nervosität nie so richtig genießen und einfach Ich sein. Ich war eben immer so ein bisschen "komisch". Oder zumindest habe ich mich so gefühlt.

Es gab eine Phase von ein paar Jahren, in der ich mit Freunden am Wochenende in der Stadt unterwegs war. Stammtisch, Bier und tiefgründige, weltbewegende Gespräche, wie man sie mit 18, 19 halt so führt, nach dem 3. oder 4. Weizen. Irgendwann konnte ich sogar davon überzeugt werden, mal mit in die Disko zu gehen. Was für ein Krampf, so zu tun als sei man wie die anderen, die dort einfach aus sich rausgehen und Spaß haben. Ohne Alkohol wäre das für mich natürlich undenkbar gewesen und auch mit nicht einfach. Tanzen? Als einstudierter Bewegungsalgorithmus... vorstellbar. Freestyle... unmöglich. Ich war aber sehr dankbar, dass ich überredet wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich, trotz aller Anstrengung, das erste mal so ein bisschen "cool" fühlte. Die Musikrichtung war Alternative und Rock und so was. Damit konnte ich mich anfreunden.

Bis zu meinem 17. Lebensjahr habe ich weder Alkohol getrunken noch geraucht. Auf der Klassenfahrt in der 11. Klasse nach Berlin habe ich dann zum ersten mal an einem Joint gezogen. Subtiler Gruppenzwang. Mein bester Kumpel, der sich mit dem cooleren Teil des Jahrgangs gut verstand, wollte es mal ausprobieren. Unter den Leuten fühlte ich mich unwohl. Ungewohnter Ort. Kein guter Plan insgesamt. Zumindest für mich. Ich weiß nur noch, dass ich relativ unmittelbar danach einen emotionalen Totalausfall hatte und mit meinem Kumpel und einem Lehrer, der versucht hatte mich zu beruhigen, auf unserem Zimmer saß und Rotz und Wasser geheult habe. Die ständige Angespanntheit und dazu all diese negativen Themen, die ich in dem Alter unmöglich angemessen verarbeiten konnte, all die Angst, all der Frust... Das hat dieser eine Zug vom Joint mal eben zu Tage gefördert.

Zu Hause haben meine Schwester und meine Mutter sich gefreut, als ich etwas widerwillig aber auch mit einem leicht stolzen Grinsen gestand, dass ich gekifft und Bier getrunken habe. (Es fühlt sich verrückt an, beim Schreiben dieses Satzes einen Joint zu rauchen, zu einem Erdinger Weizen. Wie die Zeit vergeht...) "Er wird doch kein Langweiler! Gott sei dank!". Von meinem emotionalen Ausbruch habe ich nichts erzählt. Vielleicht hätte ich das tun und Langweiler bleiben sollen. Sie meinten es aber natürlich nur gut mit mir. Es hat sie wohl einfach gefreut, dass ich auch mal "ganz normal" Spaß hatte und nicht nur am Computer hing.

"Spaßgesellschaft" sollte einen Lebensstil kritisieren, bei dem Hedonismus und Konsumlust im Vordergrund stünden, das Bemühen um gesellschaftliche Veränderungen aber in den Hintergrund trete. (Wikipedia)

Das trifft es auf den Punkt. Und wenn ich das mit ein paar anderen Faktoren kombiniere, wundert es mich gar nicht, dass ich heute so disziplinlos bin. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, Disziplin und Pflichtbewusstsein jemals explizit vermittelt bekommen zu haben. Meine Kindheit fühlt sich rückblickend, abgesehen vom Mobbing in der Schule, eigentlich ziemlich wie "in Watte eingepackt" an. Das soll natürlich keine Entschuldigung oder gar ein Vorwurf sein. Ich gebe die Schuld dem Zeitgeist, dem man sich unmöglich entziehen kann, wenn man ein akzeptierter Teil der Gesellschaft sein möchte. Hatte diese Spaßgesellschaft vielleicht in den 90ern ihren Höhepunkt?

Was ist Leben? Was ist Bewusstsein? Bin ich Gott?

Als Agnostiker muss ich gestehen: Ein Vaterunser jeden Morgen wirkt wahre Wunder. Wer den Glauben an Gott für altertümlichen Schwachsinn hält, der hat natürlich Recht... und war vielleicht einfach noch nie an einem Punkt der völligen Verzweiflung und Kapitulation. Ich "glaube" nicht an Gott, würde ihn aber auch nicht für tot erklären. Gott ist für mich einfach zu einer Metapher für Demut und Hoffnung geworden und zu einem Platzhalter für all die Antworten, nach denen ich mich zwar sehne, von denen ich aber auch weiß, dass es sie nicht geben kann. Eine abschließende Erklärung von Allem wird man am Rande oder im Zentrum des Universums wohl zumindest nicht finden. Es gibt ja weder noch. Oder? Bestimmt passiert andauernd irgendwo ein Urknall. Und wieso eigentlich Urknall? War das laut? Wie wäre es mit Raum-Zeit-Eruption, analog zu Raum-Zeit-Kontinuum? Ja, das macht Sinn.

Ich fühle mich irgendwie... irgendwie.... hmm. Punkt. Ich fühle mich irgendwie. Gut? Schlecht? Keine Ahnung. Identitätslos. Neutral. Ich denke etwas und bin voll und ganz überzeugt, fast schon euphorisch. Es kommt mir wie eine wichtige, identitätsstiftende Erkenntnis vor. Und einen Moment später, denke ich das genaue Gegenteil oder einfach so viel, dass sich die Euphorie wieder in Ernüchterung verwandelt. Es ist wohl doch komplizierter. Ein ewiges hin und her von sich widersprechenden Gedanken und ganzen Weltbildern. Manchmal halten sich einzelne Gedanken etwas länger. Manchmal klammere ich mich richtig an sie. Aber früher oder später scheitert jede vermeintliche Erkenntnis an den großen Fragen nach Sinn und Ursprung. Meine Gedanken mögen logisch und "korrekt" sein, aber immer nur in einem sehr eingeschränkten Kontext. Je weiter ich den Kontext aufspanne, desto mehr verflüchtigen sich meine Gedanken und Erkenntnisse in der Unendlichkeit.

Ich fühle mich, als könne ich jeden Menschen verstehen, nur mich selbst nicht. Ein neutraler Beobachter und gleichzeitig Teilnehmer. Ein Bewusstsein, dass einen Körper steuert, der nur eine von unendlich vielen Facetten des Lebens darstellt. Was ist Bewusstsein? Wo bin ich hier? Welches Trauma hat diese Spaltung verursacht? Oder ist es eine Synthese?

Ich gehe davon aus, wie wohl die meisten eher rational veranlagten Menschen, dass Bewusstsein einfach das Ergebnis der komplexen Abläufe in unserem Gehirn ist, eine erfolgreiche Erfindung der Evolution und nicht viel mehr als eine Art Sinnesorgan, das sich irgendwann vermutlich genauso materialistisch erklären lässt, wie "alles andere" auch. Gleichzeitig brauche ich irgendeine Art von Erklärung für das Konzept von Existenz an sich. Diesen Gedanken, dass Bewusstsein ursprünglich ist, finde ich interessant. Wobei das letztlich auch nur eine Worthülse wäre. Auch das Bewusstsein kann sich ja nicht selbst erdacht haben. Verdammt. Das ist doch alles Schwachsinn. Lebe einfach dein Leben und genieße es. Oder verzweifle halt.

Aber es ist doch einfach nicht plausibel oder irgendwie logisch begründbar, dass überhaupt irgendetwas existiert und nicht nichts. Ein unlösbares Rätsel. Aber weil etwas existiert, muss es zwingend auch unendlich sein, weil etwas und nichts nicht gleichzeitig, nebeneinander sein können. Heißt das, es geht doch weiter nach dem Tod? Oder heißt das, dass jedes Bewusstsein ein eigenes Universum ist? Eine eigene Instanz der Existenz, die dann irgendwann einfach wieder "aus geht"? Gibt es eigentlich irgendeine Möglichkeit, dein Bewusstsein als unabhängig von meinem zu beweisen? Wie kannst du mir zeigen, dass du mich wahrnimmst und nicht nur ich dich? Wenn ich gleich recherchiere und feststelle, dass diese Frage genau so bereits von anderen vor mir gestellt wurde, ist dem dann wirklich so, oder habe ich diese Realität gerade erdacht? Aus Versehen sozusagen.

Eine kurze Recherche ergibt: Dieser Gedanke ist schon etwas älter und nennt sich Solipsismus. Das ist wohl auch, was René Descartes meinte. Ich denke, also bin ich. Aber mehr kann ich nicht wissen. Mir hilft dieser Gedanke gerade dabei, mich mehr auf mich selbst zu konzentrieren. Die anderen bilde ich mir ja vielleicht eh nur ein. Philosophie kann sowohl Gift als auch Medizin sein.

Der Solipsismus ist ein Gedanke, der aufgrund seiner Unlösbarkeit und seiner geringen Relevanz für das alltägliche Leben, bei den meisten wohl nur eine kurze, flüchtige Faszination auslöst. "Ja man, echt crazy. Ach ja,... Kommst du am Wochenende eigentlich auch vorbei? Wir wollten doch grillen bei X und Y im Garten, wenn das Wetter mitspielt."

Natürlich komme ich auch zum Grillen. Zumindest bin ich körperlich anwesend, esse, trinke, rede hier und da mit. Oft interessieren mich die Themen der anderen aber nicht so sehr und ich verliere mich wieder in eigenen Gedanken, bis jemand fragt, ob alles in Ordnung ist. "Du hast schon voll lange nichts gesagt." Dann kollabiert mein Nervenkostüm und ich brauche erst mal ein paar Minuten Abseits der Menschen. Es ist nicht immer so. Aber es kommt mir so vor, als passiere mir das häufiger als anderen.

Bewusstsein ist kein binärer Zustand, also entweder vorhanden oder nicht. Es ist wohl viel mehr ein fließender Übergang. Das Leben, in seinen simpelsten Formen, ist sicherlich nicht "bewusst", so wie wir uns das vorstellen. Leben definieren wir ja hauptsächlich als Stoffwechsel und Selbsterhaltung, was zunächst mal irgendeine Art halbdurchlässiger Abgrenzung von der Umwelt erfordert. Schrödinger (der mit der Katze) hat es mal so formuliert: "Leben ist, was sich dem Zerfall in die Unordnung widersetzt." Die NASA fand, im Zuge der Suche nach Außerirdischen, den kleinsten gemeinsamen Nenner in dieser Definition: "Leben ist ein selbsterhaltendes, chemisches System, das sich evolutionär entwickelt." Von Bewusstsein ist leider nicht die Rede. Leben ist aber zumindest notwendig für Bewusstsein. An Geister glaube ich jedenfalls nicht so richtig. Aber wo genau gehen jetzt diese chemischen Prozesse über, in diese völlig abgefahrene Wahrnehmung von Bewusstsein? Naja,... Wer weiß, was der Schöpfer dieses Universums sich so alles für uns überlegt hat, während er sich vermutlich ganz ähnliche Fragen über sein eigenes Dasein stellt.

Irgendwas stimmt nicht mit der Welt.

"Du bist hier, weil du etwas weißt, etwas, dass du nicht erklären kannst, aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der Dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat Dich zu mir geführt. Weißt du wovon ich spreche?"

Die Matrix. Dieser Film hat mich geprägt, wie kein anderer. Er ist nicht nur der Grund, aus dem ich Programmierer geworden bin, sondern auch einer der Nährböden meines Weltbildes. Dieses ungreifbare Gefühl, dass etwas mit der Welt nicht stimmt,... Ja Morpheus, Ich weiß was du meinst. Das erste mal gesehen habe ich den Film in einer Phase, in der sich meine Schwester und ihr Freund viel um Ablenkung von der Trennung meiner Eltern kümmerten. Da war ich 12. Vielleicht habe ich mir da zum ersten mal gewünscht, dass es noch eine andere Ebene der Realität gibt. Entgegen der Vorwarnung meiner Schwester, verstand ich die Story des Films sofort. Meine Interpretation entwickelte sich dann im Laufe der Jahre. Die Matrix besteht einerseits aus einer Art inneren Haltung, die uns davon abhält, die Welt so zu sehen oder sehen zu wollen, wie sie wirklich ist und dem gezielten Ausnutzen oder gar Herbeiführen dieser inneren Haltung auf der anderen Seite. Die Matrix ist in meinen Augen auch eine Warnung vor dem Tod der menschlichen Seele, ähnlich wie ihn der Philosoph Michel Foucault beschreibt, mit dem ich mich kürzlich mal beschäftigte. Sich einen groben Überblick über einige dieser bedeutenderen Philosophen zu verschaffen, kann ich nur empfehlen. Also zumindest, wenn man sonst nichts Besseres zu tun hat.

"Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand." - Michel Foucault

Dieser Gedanke macht mir wesentlich mehr Angst als ein offensichtlicher, physischer Tod, eine Auslöschung durch Naturkatastrophen oder einen Atomkrieg. Dabei bestünde ja zumindest die Möglichkeit, dass sich irgendwo noch ein letzter DNA-Strang versteckt und eine Millionen Jahre später eine neue Iteration des Lebens einläutet. Der seelische Tod kommt mir wesentlich absoluter vor. Von meiner Mutter kenne ich den Spruch "Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.". Das trifft es ganz gut, glaube ich. Ich habe Angst davor, dass die Menschheit irgendwann zu einer seelenlosen Masse von ferngesteuerten Robotern verkommt. Vielleicht ja, weil ich mich selbst auf dem besten Weg dahin befinde.

In einer Spaßgesellschaft, in der "das Bemühen um gesellschaftliche Veränderungen" in den Hintergrund tritt, muss sich der Einfluss dann ja wohl auf weniger Einflussnehmende verteilen. Hinzu kommt dann noch diese kapitalistische Tendenz zur Zentralisierung und ein sich langsam aber sicher überschlagender, technologischer Fortschritt, bei dem nur die schlausten und fleißigsten Köpfe wirklich vorne mithalten können und bei dem deine Aufmerksamkeit und deine Daten zur Währung werden und es entstand ein Weltbild, in dem ein immer kleiner werdender Teil der Menschen wirklich, effektiv und vor allem bewusst Einfluss auf die Geschicke der Gesellschaft nimmt oder zumindest potentiell nehmen kann, während die Masse vor dem Fernseher, später Netflix und Tiktok, verblödet und in einer Endlosschleife aus Schock und Ekstase gefangen ist. Matrix light.

Die Zeit, in der eine ausreichend große Masse von Menschen mächtiger ist als ihre Herrscher, ist vorbei. Es ist heute egal, wie groß die Masse ist. Ihre Psychologie ist längst verstanden. In meiner Vorstellung waren Könige und Bauern annähernd gleich dumm. Die heutige Elite ist dem Durchschnittsbürger so weit überlegen, dass irgendwann jede Form von Opposition wie durch einen Blitzableiter unschädlich gemacht werden kann. Die Masse ist vom Wohlwollen derer abhängig, die die Welt nach ihrer Vorstellung formen können. Aber vielleicht war es doch auch schon immer so. Vielleicht ist es ja sogar besser so.

"Was tun mit all diesen nutzlosen Menschen? Meine Vermutung ist eine Kombination aus Drogen und Videospielen." - Yuvall Noah Harari

"Barack Obama schätzte ihn als Inspirationsquelle; Angela Merkel, Emmanuel Macron und Sebastian Kurz trafen ihn zum Gedankenaustausch, Olaf Scholz zitierte ihn, Mark Zuckerberg fragte ihn um Rat; Bill Gates sei von seinen Büchern regelrecht berauscht, so Thomas Thiel, FAZ. Harari war 2018 und 2020 Gast beim World Economic Forum." - Wikipedia

"Du wirst nichts besitzen und glücklich sein." - Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums

Ist es möglich, dass dieses Weltwirtschaftsforum mit genau einer solchen Haltung, wie der Harari's gegründet wurde? Die Menschen sind zu dumm und irgendwann vollkommen nutzlos und die Demokratie zu langsam? Die wirtschaftliche Elite muss die Geschicke der Welt in die Hand nehmen, um die Menschheit zu retten? Nach ihrer Definition? Klaus Schwab würde so einen perfekten Bösewicht abgeben. Wäre eigentlich schade, wenn das alles nur Verschwörungstheorien sind. Laut Tagesschau wird beim Weltwirtschaftsforum nichts entschieden. Man tauscht sich aus, knüpft Kontakte und denkt über die Zukunft nach. Klingt doch nett und sinnvoll.

"Der Gedanke, die Young Global Leaders [in Regierungen] zu integrieren, ist seit vielen Jahren Bestandteil des Weltwirtschaftsforums. Wenn ich jetzt Namen wie Angela Merkel oder sogar Vladimir Putin und so weiter nenne, sie alle waren Young Global Leaders des Weltwirtschaftsforums. Aber worauf wir jetzt sehr stolz sind, ist die junge Generation, wie Premierminister Trudeau oder der Präsident von Argentinien und so weiter. Wir dringen in die Regierungen ein." - auch Klaus Schwab

Wie gesagt, man denkt über die Zukunft nach. Zukünftige Präsidenten und welche Krisen uns so ins Haus stehen und wie man damit umgeht, global, einheitlich, so was halt.

Neben Brot und Spielen werden auch künstliche Konflikte die Durchschnittsmensch*Innen bei Laune halten. Wir müssen nicht, wie im Film, an eine digitale Simulation angeschlossen sein, um in einer Schein-Realität zu leben. Möglich wäre das natürlich auch irgendwann. Es benötigt aber wohl "nur" ein ausgeklügeltes und möglichst automatisiertes Aufmerksamkeitsmanagement, wie bei einem Zaubertrick.

Mit solchen Gedanken habe ich mich immer schon recht alleine gefühlt, auch weil es mir nie so richtig gelingt, sie angemessen und vor allem vollständig und unmissverständlich zu formulieren. Vielleicht aber auch, weil es alles einfach ein bisschen verrückt klingt. Allerdings leben wir auch in einer Zeit, in der sich Atomkrieg und Geschlechtsumwandlungen ein knappes Rennen um Aufmerksamkeit liefern.

Verschiedenste Musiker und Kabarettisten mit großer Anhängerschaft haben mich in meinem Weltbild leider oft bestätigt. So ganz verrückt kann ich also nicht sein. Oder ich bin zumindest einer von vielen. Vielleicht sehe ich die Dinge manchmal zu drastisch und habe kontroverse oder sogar radikale Meinungen. Die stehen aber auch unter ständiger Revision und ich habe auch viele gegensätzliche Meinungen zugleich. Allein bin ich aber meist nicht. Das beruhigt mich einerseits und es macht mir auch Angst. Am Ende ist es aber natürlich einfach nur ein bestimmtes psychologisches Profil, welches einen zu derlei Theorien und Schwurbeleien neigen lässt. Ich bin ein depressiver, kiffender Alkoholiker, aktuell arbeitslos. Selbstverständlich bin ich auch ein Verschwörungstheoretiker.

"Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein." Jiddu Krishnamurti

"Du weißt, dass du es willst!" - Lieferando

Fortsetzung folgt...